Böse Buben, kranke Knaben

Geschlechterkrieg

Böse Buben, kranke Knaben

Im Online-Spiegel vom 7. Oktober 2002 begann eine interessante Artikelserie über das Verhalten von Jungen. Im Text heißt es: „Jungen sind überdurchschnittlich häufig Schulversager und Schulschwänzer, verhaltensgestört und kriminell. Kritiker behaupten, das liege auch daran, dass das deutsche Schulwesen auf die Interessen von Mädchen ausgerichtet und damit ‚jungenfeindlich‘ geworden sei. Sie fordern die Einrichtung von Jungenbeauftragten sowie die Einführung einer Männerquote in Kindergärten und Grundschulen.“

Eine verblüffende Sichtweise – aber nehmen wir doch mal den ganzen Beitrag unter die Lupe.

Jahrzehnte lang galten Mädchen als das schwächere Geschlecht. Jetzt haben sich die Verhältnisse umgekehrt. Als Schulversager erweisen sich die Buben. 

Sie sind zudem überdurchschnittlich häufig anfällig für Krankheiten und Kriminalität. Nach der „Mädchenpädagogik“ fordern Fachleute nun mehr Extra-Zuwendung für Knaben und eine „Lobby für die Jungs“ – der erste Teil einer Spiegel-Online-Serie.

Als erste deutsche Stadt hat München einen „Jungenbeauftragten“ eingesetzt – bisher spektakulärster Ausdruck einer kopernikanischen Wende in der Pädagogik. Als schwaches Geschlecht – verunsichert, vernachlässigt, benachteiligt – gelten nicht länger die Mädchen, sondern die Jungen.

Den Beruf gibt es in ganz Deutschland nur ein einziges Mal. Der Münchner Sozialpädagoge Klaus Schwarzer – der seinen Nachnamen nur zufällig mit der Galionsfigur des deutschen Feminismus teilt – ist „Jungenbeauftragter“ der bayerischen Landeshauptstadt.
Von der Öffentlichkeit kaum bemerkt, war Schwarzers Stelle bereits im Frühjahr eingerichtet worden. Nach Monaten stiller Einarbeitung will der Pädagoge in Kürze, bei einer Fachtagung am 11. Oktober im Münchner „Haus der Jugendarbeit“, seine Pläne erstmals vor der Presse präsentieren.
Diese vermeintlich unumstößliche Gewissheit hat dazu geführt, dass deutschlandweit seit den siebziger Jahren eine feministisch inspirierte „Mädchenpädagogik“ aufblühen konnte. Vielerorts werden spezielle Mädchenkurse in Sachen „Selbstbehauptung“ und „Selbstverteidigung“ offeriert, „Töchtertage“ oder „Girls‘ Days“ sollen späterer beruflicher Benachteiligung vorbeugen.So einzigartig wie die Amtsbezeichnung Schwarzers, so provozierend könnte auf manch einen Pädagogen die Tagesordnung des Treffens wirken – darunter der Punkt „Jungen als Opfer“. Jahrzehnte lang galt das Gegenteil: dass Jungen gleichsam zum „Täter“ geboren und dominant seien, Mädchen hingegen potenzielle „Opfer“ und daher besonders beschützenswert und förderungswürdig.

In München beispielsweise wurden 1994 auf Drängen der kommunalen „Gleichstellungsstelle“ an sämtlichen städtischen Schulen Lehrerinnen als „Mädchenbeauftragte“ eingesetzt. Deren Aufgabe war und ist es, „die Benachteiligung von Mädchen im Schulalltag“ zu überwinden.

Aufregender Befund

Leitmelodie der Mädchenpädagogik ist, bis auf den heutigen Tag, die Weise: „Wer sagt, dass Mädchen dümmer sind?“ Das antiautoritäre Kinderlied, komponiert nach der Studentenrevolte von 1968, war für eine ganze Generation rot-grüner „LehrerInnen“ eine Art Hymne im Kampf gegen das angeblich jungenfreundliche, mädchenfeindliche Bildungssystem der Bundesrepublik.

Nun scheint sich eine Art kopernikanische Wende in der geschlechtsspezifischen Pädagogik anzubahnen; die Bestellung des Münchner Jungenbeauftragten ist ein erstes Indiz. Schwarzer wird kaum der einzige seines Amtes bleiben: Bundesweit mehrt sich die Einsicht, dass Jungen mittlerweile zumindest der gleichen Zuwendung bedürfen, die bislang die Schulmädchen erfahren durften.In der großen internationalen Schulleistungsstudie ist nach den Worten von Pisa-Mitautor Jürgen Baumert „ein wirklich aufregender Befund“ versteckt: In der Summe aller bewerteten Fähigkeiten (Lesekompetenz, Mathematik und Naturwissenschaften) sind Deutschlands Schulmädchen mittlerweile den gleichaltrigen Jungen weit überlegen.

gemeinsam stark

Dumme Jungs

Es seien die Knaben, bestätigt Pisa-Koordinatorin Petra Stanat, die Deutschland im Weltmaßstab so tief „runterziehen“, dass Politiker seit Monaten von einer neuen Bildungskatastrophe sprechen. Jungs bleiben in der Bundesrepublik doppelt so oft sitzen wie Mädchen, fliegen doppelt so oft vom Gymnasium, landen doppelt so oft auf einer Sonderschule.

Und: Die männlichen Schüler stellen nur 46 Prozent der Abiturienten, aber 72 Prozent der Abgänger ohne Hauptschulabschluss. Die Abi-Zensuren der Jungen sind obendrein im Schnitt um fast eine Note schlechter als die ihrer Mitschülerinnen (die übrigens bei Lehrern beiderlei Geschlechts besser abschneiden).

Die Jungen, keine Frage, sind das Problem. Säßen in Deutschlands Schulklassen nur Mädchen – die Bundesrepublik würde zu den Spitzenreitern im internationalen Schulleistungsvergleich zählen.

Unverkennbar ist nun eingetreten, was dem Elternmagazin „Familie & Co“ bereits vor drei Jahren schwante: „In unserer Gesellschaft scheint sich klammheimlich das Blatt gewendet zu haben. Und zwar zuungunsten der Jungen. Sie sind die Stiefkinder der modernen Pädagogik.“
„Jungenarbeit nach der Pisa-Studie“ – dieses Thema steht nun auch auf dem Programm der Münchner Tagung. Das schlechte Abschneiden der Knaben hat den neuen Bubenbeauftragten Schwarzer noch in seiner Ansicht bestärkt, Deutschland brauche eine „Lobby für die Jungs“.Der Befund der feministischen Forschung, Mädchen seien benachteiligt, habe fast nur noch historische Bedeutung, urteilt der Berliner Erziehungswissenschaftler Ulf Preuss-Lausitz. Statt „Mädchen-Stärken“ (so ein Buchtitel aus dem Jahre 1993) müssten „Kinder-Stärken“ entwickelt werden. Schule müsse „nicht nur mädchengerecht, sondern auch jungengerecht werden“.

Kranke Knaben

Denn nicht nur in der Schule erweisen sich mehr und mehr Knaben als Versager. Sie sind psychisch weniger belastbar als Mädchen, sind bis zum 11. Lebensjahr gesundheitlich anfälliger und begehen auch häufiger Selbstmord.

„95 Prozent der verhaltensgestörten Kinder sind männlichen Geschlechts“, resümiert der Hamburger Pädagogik-Professor Peter Struck die einschlägigen jugendpsychiatrischen Erkenntnisse. Jungen leiden, so Struck, stärker als Mädchen unter dem zunehmenden Zerfall der Familien, sie „sind ängstlicher, sie weinen eher, länger, lauter und häufiger, sie werden rascher und zahlreicher aggressiv“.

Sie stellen zwei Drittel der Klientel von Jugendpsychologen und Erziehungsberatern. Unter den jugendlichen Patienten, die wegen der berüchtigten „Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung“ (ADHS) behandelt werden müssen, sind überdurchschnittlich viele Jungen: Auf sechs bis neun Zappelphilippe komme, meldet das Universitätsklinikum Lübeck, eine Zappelphilippine.

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Böse Buben

Auch die wachsende Gewaltkriminalität ist bei genauerem Hinsehen weniger ein Jugendproblem als ein Jungenproblem, ebenso wie der Rechtsradikalismus: Eine Studie für die hessische Landeszentrale für Politische Bildung über ländliche Neonazi-Cliquen etwa hat ergeben, dass Mädchen in diesen Kreisen „nicht in bedeutsamer Größe“ auftauchen. Fazit: „Bestätigt wurde durch die Untersuchung, dass der Rechtsextremismus zu 95 Prozent ein Jungen- beziehungsweise Männerproblem ist.“

Dies alles wären Gründe genug, ein bundesdeutsches Crash-Programm zur Entwicklung und Förderung einer spezifischen Jungenpädagogik aufzulegen. Doch lediglich in der Jugendsozialarbeit mit schwer Erziehbaren existieren erste Ansätze zu einer so genannten „geschlechterbewussten Bildung“.

In der deutschen Schulpädagogik dagegen befinde sich das Fach „noch weitestgehend in der Entwurfsphase“, urteilt der Siegener Soziologe Michael Meuser. Dabei deutet vieles darauf hin, dass pädagogische Fehlleistungen in Schule und Vorschule die Hauptursachen für das Versagen so vieler Jungen sind.

Während das deutsche Bildungswesen Jahrzehnte lang vor allem bemüht war, die Benachteiligung von Mädchen abzubauen, habe sich die Schule, fürchten Kritiker, still und heimlich in ein „jungenfeindliches Biotop“ verwandelt.

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