Da das Bewusstsein von der Notwendigkeit der Absetzung des Mannes als Wertsetzer hierzulande noch nicht allzu stark ausgeprägt ist und seine Inkompetenz auf diesem Gebiet noch zuwenig thematisiert wird, möchte ich kurz auf männliche Wertungen eingehen, um deren Zweifelhaftigkeit kenntlich zu machen.
Werfen wir daher einen Blick auf jene Wertvorstellungen, die die abendländische Ethik ausmachen und an denen Frauen angeblich einen so geringen Anteil haben.
Die abendländischen Werte lassen sich benennen, als da sind:
- Mut und Weisheit,
- Demut und Klugheit,
- Einsicht und Gerechtigkeit,
- Liebe und Friedfertigkeit,
- Geduld und Mäßigkeit,
- Güte und Wahrheit,
- Sanftmut und Barmherzigkeit.
Werte, die Männer verkündet und überwiegend Frauen praktiziert haben. Hinter ihnen steht eine griechische, jüdische und christliche Tradition, die sich in zahlreichen Schriften niedergeschlagen hat. Verfasser dieser Bücher und heiligen Offenbarungen sind ausnahmslos Männer.
Ihr Nachdenken über die Natur und Bestimmung des Menschen. ihre Offenbarungsbotschaften, die sie zum Teil dem direkten Einwirken eines männlich gedachten Gottes zuschrieben, aber auch ihre empirischen Erfahrungen, die den Anspruch auf Objektivität erheben, fanden ihren Widerhall in Philosophie und Theologie, aber auch in Rechtslehren, in Pädagogik und Psychologie - den Säulen abendländischer Kultur.
Diesem überwältigenden Ausmaß an männlicher Reflexion über das, was zutiefst menschlich und wertvoll ist, hat das weibliche Geschlecht - wenn wir den Büchern glauben - nichts entgegenzusetzen.
In der Geschichte der Ethik suchen wir vergebens nach Frauen. Über die Ursache dieses Phänomens ist sich die Männerwelt einig wie selten: Von den vorchristlichen Philosophen zu den jüdischen Gottesmännern, von christlichen Theologen bis zu nachchristlichen Psychologen haben männliche Geistesgrößen darin Übereinstimmung erlangt, dass das weibliche Geschlecht sich durch ethische Defizite auszeichnet.
Folglich weisen jüdische, griechische und christliche Mythen Frauen als Urheberinnen des Bösen aus. Wen wundert es da, dass in unserem Jahrhundert Sigmund Freud dem Mann allein das Schaffen ethischer Werte wie auch die Entstehung des Gewissens, dieser Krönung des Menschen, zuschreibt. Gleichzeitig beklagt er das mangelnde Rechtsgefühl der Frauen und muss in seinem Umgang mit ihnen immer wieder verständnislos feststellen, dass sie "andere Kriterien des ethisch Normalen haben als Männer". Was sogar stimmt, wie wir noch feststellen werden.
Doch war die Äußerung Freuds nicht so neutral gemeint, wie sie hier den Anschein erweckt. Nach ihm stimmten auch noch andere Psychologen darin überein, dass Mädchen und Frauen sich bei genauerem Hinsehen als moralisch unterentwickelte Wesen erweisen. Als eine der letzten Blüten am Baum männlicher Erkenntnis ist der amerikanische Psychologe Kohlberg anzusehen, der die ethischen Vorstellungen von Jungen und Mädchen, Männern und Frauen einer systematischen Bewertung unterzog und zu dem Ergebnis gelangte, dass nur Männer zu den bedeutenden Wertträgern der Menschheit gehören und bereits kleine Jungen hinsichtlich der Klarheit ihres Wertgefühls den Mädchen bei weitem überlegen sind. Doch dazu später mehr.
Dieser Befund, der selbstverständlich mehr mit männlicher Theoriebildung als mit mangelhafter weiblicher Ethik zu tun hat, steht in eigenartiger Diskrepanz zu jener Wirklichkeit, die sich in unseren alltäglichen Erfahrungen niederschlägt.
Dem von Männern diagnostizierten mangelnden weiblichen Rechtsgefühl steht weltweit ein - gemessen an männlichem Verhalten - wesentlich geringerer weiblicher Rechtsbruch gegenüber. Ob es sich nun um Verkehrsregeln oder um ungeschriebene Verhaltensregeln, um Rechts- oder Sozialnormen handelt, Frauen verstoßen auffallend seltener gegen sie als Männer. Und so sieht sich selbst der Justizminister des Landes Nordrhein-Westfalen, Dr. Rudolf Krumsiek, zu der Feststellung genötigt: "Das Charakteristikum der weiblichen Kriminalität bleibt - in der Bundesrepublik wie in zahlreichen anderen Ländern - ihr seit jeher auffallend geringer Anteil an der Gesamtkriminalität."
So beträgt beispielsweise der weibliche Anteil an der Gesamtzahl aller Strafgefangenen in Nordrhein-Westfalen lediglich 3,7 Prozent. Dieser Tatbestand veranlasst den Minister zu der Frage: "Warum sind Männer krimineller als Frauen?", wobei er aber gleichzeitig feststellen muss, dass diese Frage in Wissenschaft und Öffentlichkeit kaum gestellt worden ist und folglich auch keine Erklärungen für dieses auffallende und meines Erachten äußerst wichtige Faktum gesucht oder gar gefunden wurden.
Das angeblich mangelnde Rechtsgefühl der Frau hat den Geist männlicher Forscher und Philosophen nachweislich schon immer wesentlich stärker zu inspirieren vermocht als das erschreckend hohe Ausmaß an männlicher Kriminalität, Brutalität und Korrumpierbarkeit.
Die hier zutage tretende Diskrepanz zwischen objektiver Wirklichkeit und männlicher Wahrnehmung, die nicht wahr-, sondern falsch nimmt, erscheint mir besorgniserregend. Sie zeigt eindeutig, wie unbrauchbar männliche Vorstellungen sind, innere Bilder also, die Männer vor die Wahrheit stellen, um die eigenen Defizite nicht sehen und thematisieren zu müssen.
Als tragisch aber empfinde ich den Umstand, dass auch Frauen diese männlichen Fehleinschätzungen als Wirklichkeit verinnerlicht und dabei verlernt haben, den Tatsachen ins Auge zu blicken. Zum Glück aber haben einige Frauen inzwischen damit begonnen, auf der Grundlage eigener Untersuchungen und Erfahrungen einem neuen Verständnis der Frau sowie einer Neubewertung weiblichen Verhaltens den Weg zu bereiten.

Quelle: Dr. Christa Mulack, Natürlich weiblich
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