Hannelore Vonier

Meine Position zu feministischer Matriarchatsforschung



Stammesleute in Äthiopien

Bei DuBerichtest.de wurde eine kleine Rezension zum Matriarchat Blog geschrieben, die sehr positiv und gut recherchiert ist. Die Autorin Tonia Schubert hat sich bis tief ins Archiv durchgelesen. Aber es klingt etwas an, das der Korrektur bedarf.

Es geht um folgende Bemerkungen der Autorin:

“Wer glaubt, hier ginge es einfach nur um Frauenrechte oder Gleichberechtigung, irrt gewaltig.” und “Sicherlich ist auch innerhalb der Frauenbewegung umstritten, was die Bloggerin schreibt.”

Für alle, die dieses Blog hier noch nicht so gut kennen: Es gibt keine Kategorie Frauenbewegung/ F€minismus und auch keine Beiträge, die sich mit dem Thema Frauenrechte oder Gleichberechtigung beschäftigen. Von über 100 Postings wird in gerade mal 8 Beiträgen das Wort f€ministisch verwendet, davon einmal im Titel (Abschied von feministischen Denkmodellen).

Was ist hier passiert?

Der Begriff Matriarchat ist bis zum Rand mit Vorurteilen besetzt. Ich beschäftige mit seit Jahren mit dem Thema und weiß das; ich versuche aufzuklären, auch deshalb dieser Beitrag.

Die Assoziation geht so: Matriarchat wird mit Frauenherrschaft verwechselt (die dann aber patriarchal wäre, weil Herrschaft = patriarchal. Das Geschlecht ist nicht relevant, wenn es um ein sozialpolitisches Konzept geht.) → F€ministinnen wollen ein Stück vom Kuchen, sprich Anteil an der Herrschaft → seit der neuen Frauenbewegung in den 70ern beschäftigen sich feministische Wissenschaftlerinnen mit dem Thema Matriarchat, ausgehend vom englischen Sprachraum, wo aufgrund eines Übersetzungsfehlers bis heute im Diskurs Matriarchat mit (patriarchaler) Frauenherrschaft gleichgesetzt wird.
Matriarchat ↔ Herrschaft ↔ Feminismus ↔ Matriarchat.

Die deutschsprachigen MatriarchatsforscherInnen haben es bis jetzt nicht geschafft, dieses Vorurteil auszuräumen, bzw. den Begriff ‘Matriarchat’ mit Inhalten aus unserem modernen Leben zu füllen. Was damit zusammen hängen könnte, dass ein Teil der f€ministischen Forscherinnen eventuell weiß, dass Matriarchat nicht Frauenherrschaft ist, dass aber selbst deren Lesepublikum beim alten Vorurteil bleibt.

Ich bin eine der wenigen, wenn nicht die Einzige, die Matriarchat nicht im f€ministischen Kontext betrachtet (siehe dazu den Vergleich mit Web 2.0). Denn:

  1. Matriarchat - eine sprachliche Nachbildung zu Patriarchat aus dem 19 Jh. - hat etwas mit mütterlich-Sein zu tun, nicht mit ‘weiblich’ und nicht mit ‘Mutter’. Mütterlichkeit als Konzept: Unabhängig von Geschlecht oder Alter ist es eine Pflegebeziehung. So wird es auch von diesen Gesellschaften selbst gesehen. Patriarchat hat etwas mit väterlich, Pater Familias, zu tun, nicht dem biologischen Papa, sondern Vater ebenfalls als Konzept. Frauen in unserer Gesellschaft sind patriarchal, nicht matriarchal.
  2. Sie finden auf diesem Blog keine Texte, die in irgendeiner Form das Geschlechterverhältnis behandeln, weil die Genderdebatte mit matriarchalen Völkern an sich nichts zu tun hat. Ich rede von Menschen, Leuten, Personen und Kindern, Erwachsenen, Alten. Nicht von Frauen oder Männern.
  3. Es ist eine Frage der Empathie, wie eine Autorin oder ein Autor ein Thema behandelt. F€ministinnen schreiben über Männer, wenn sie im Jargon formulieren, in einer Form, die Männer verletzen oder abstoßen muss. Empathie (Einfühlungsvermögen) bedeutet: Wen hat die Schreiberin vor ihrem geistigen Auge, wenn sie berichtet? Ich stelle mir Frauen und Männer vor. Alles andere halte ich für kontraproduktiv.*

* Ein Leserfeedback zu meinem Matriarchats-Kurs: Vielen Dank, für diese flüssig geschriebene Information. Das ist ja alles hochinteressant und super spannend. Ich freue mich auch sehr, dass das ohne männerfeindliche Äußerungen abläuft. Wirklich, da hatte ich ein bisschen Angst. Viel Erfolg weiterhin mit ihrem Kurs. Gerd

Matriarchat heute

Auf diesem Blog geht es um matriarchale Gesellschaftsstrukturen, wie sie heutzutage anzutreffen sind bei Clans, Stämmen, Naturvölkern, Ethnien und Sippen auf der ganzen Welt. Und es geht auch um Patriarchat, aber nicht als “Herrschaft der Männer”, sondern als “Herrschaft der Väter“. Ein Konzept, wie schon oben gesagt.

Wenn Sie nun völlig verwirrt sind und überhaupt keine Ahnung haben, was denn um Himmelswillen matriarchale Strukturen sein könnten, dann haben Sie die Wahl: Sie können sich durch das umfangreiche Material der Website matriarchat.info arbeiten, oder den kostenlosen Email-Kurs buchen, wo Ihnen in 7 mundgerechten Teilen das Ganze näher gebracht wird.


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9 Kommentare zu "Meine Position zu feministischer Matriarchatsforschung"

#1 Benni Bärmann Identicon Icon Benni Bärmann am 26.09.07 um 02:15

Ich finde Du machst es Dir etwas einfach. Ich verstehe, dass für Dich Matriarchat mit dem fürsorglichen Prinzip und Patriarchat mit dem Konkurrenzprinzip assoziiert ist (Ok, das ist jetzt auch vereinfacht ;-). Nun ist es aber ja nunmal so, dass im realexistierenden Patriarchat nunmal sehr stark das erste mit dem weiblichen und das zweite mit dem männlichen Geschlecht verknüpft ist.
Wenn man also den Anspruch hat daran was zu ändern, wird man nicht umhin kommen sich mit dem Geschlechterverhältnis zu befassen und also auch mit dem Feminismus.

#2 dianne Identicon Icon dianne am 26.09.07 um 13:34

"F€ministinnen wollen ein Stück vom Kuchen, sprich Anteil an der Herrschaft" - das stimmt meines Erachtens in dieser Pauschalität nicht. Ich verweise auf Luisa Muraro / Antje Schrupp / Starhawk u.v.a. Viele Feministinnen sehen einen Zusammenhang zwischen Kapitalismus, globaler Umweltzerstörung, Monotheismus und Patriarchat.

#3 Hannelore Identicon Icon Hannelore am 26.09.07 um 14:00

@Benni: Ich beschäftige mich viel mit der Bibel u.ä. Schriften, will aber mit der Kirche nichts zu haben, beim Feminismus ist es ebenso. Frage: Was willst du denn ändern? Den letzten Satz habe ich nicht mit dem Text in Zusammenhang bringen können.

@Dianne: "Zusammenhang zwischen Kapitalismus, globaler Umweltzerstörung, Monotheismus und Patriarchat" - den sehen eine Menge Leute, ich auch,  das ganze Web2.0 ist eine Gegenbewegung dazu. Am Web 2.0 und der sozialen Gegenbewegung zur üblichen Ausbeutung sind aber hauptsächlich Männer beteiligt. Das habe ich in diesem Beitrag näher ausgeführt.

Im Übrigen geht es in dem Text um feministische Matriarchatsforschung.

#4 dianne Identicon Icon dianne am 26.09.07 um 17:25

"Daran sind aber hauptsächlich Männer beteiligt." hm ja gut, umso besser. Aber eben auch Feministinnen. Und die Matriarchatsforschung (Heide Göttner-Abendroth beispielsweise ?) sehe ich als Teil dieser Gegenbewegung. Nicht "gegen Männer", sondern gegen das herrschende System.

#5 Tonia Identicon Icon Tonia am 27.09.07 um 14:05

Hallo Hannelore, das ist ja ein spannendes Thema, das habe ich vor der Beschäftigung mit deinem Blog gar nicht so gesehen. Ich werde mir deinen Artikel noch genauer durchlesen, habe ihn jetzt nur überflogen, aber schon jetzt vielen Dank für Aufklärung und Korrektur.

Tonia

#6 S. Identicon Icon S. am 17.11.07 um 17:53

Liebe Hannelore. Vielleicht ein paar kleine Anmerkungen von meiner Seite. Ich finde den Begriff der "Mütterlichkeit" in diesem Kontext sehr treffend und du hast das hier sehr gut erklärt. Was mir aber in diesem Beitrag zu kurz kommt ist das Thema Herrschaft - du reißt es kurz an, du sagst, dass Matriarchat nicht gleich Frauenherrschaft ist, doch gehst du nicht wirklich darauf ein, dass Herrschaft im Sinne von hierarchischer Herrschaft dem Matriarchat fremd ist. In diesem Zusammenhang möchte ich (mich auf Claudia von Werlhof und anderen Forscherinnen stützend) betonen, dass der Begriff arché in ‘Matriarchat’ nicht als Herrschaft zu verstehen ist, sondern vielmehr in seiner ersten, ursprünglicheren Bedeutung als Ursprung oder etwa Gebärmutter zu lesen ist. Dies unterstreicht, dass es sich hierbei nicht lediglich um ein anderes Herrschaftsmodell handelt. Ansonsten finde ich es sehr schön, dass es diese Seite gibt!

#7 Hannelore Identicon Icon Hannelore am 18.11.07 um 16:20

@S.: Was arche- bedeutet wiederhole ich in verschiedenen Zusammenhängen immer wieder mal, z.B. hier. Ich kenne kein einziges Beispiel, wo arche- in der Literatur als "Gebärmutter" übersetzt wurde. Der Begriff hat eine andere etymologische Wurzel (lat. uterus, das kommt von indog. udero- für Bauch, Magen, Mutterleib) und lässt keinen Zusammenhang mit dem sozialkulturellen Konzept von arche- erkennen.

#8 jenna Identicon Icon jenna am 06.03.08 um 03:35

ich bin eine feministische matriarchatsforscherin und verstehe sehrwohl, was die matriarchale gesellschaft ausmacht.leider werden so wieder frauen gespalten, und das ist eine patriarchale taktik!

#9 René Identicon Icon René am 18.03.08 um 04:45

Hallo zusammen,
ich finde selbst in einer matriarchal geprägten Lebensform finden sich patriarchalische Verhaltensweisen in einem untergeordneten Masse vor. Jede Gruppe oder Sippe auch in einem Matriarchat hat und braucht eine Führung, wenn auch deren Strukturen flacher erscheinen. Der Umgang untereinander aber und die Methode sich durchzusetzen läuft "sanfter" ab als wir es in einem rein patriarchalischen Umfeld gewohnt sind. Ich meine das mit Empathie, ein wesentlicher Faktor in der matriarchalischen Weltanschauung, eine Gruppendynamik die sich gegenseitig blockieren kann, in Zaum gehalten wird (alpha, omega-tier) und somit den Konsens fördert.

Jenna,
wodurch meinst Du werden die denn Frauen gespalten,
die patriarchal (Feministinnen, Emanzen??) von den matriarchal (mütterlich) gesinnten Frauen?

Wodurch unterscheiden Sie sich..wo sind die Streitpunkte?

Lieben Gruss
René

Anmerkung HV: Matriarchate sind als herrschafts- und hierarchiefrei definiert. Gibt es Führer (außer vorübergehend bei Verwaltungsaufgaben, dann heißt das aber nicht “Führer”) so handelt es sich nicht um ein Matriarchat. Bitte Genaueres über matriarchale Strukturen nachlesen; siehe ganz unten bei Ressourcen.

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