
Die Goajiro-Arawak sind mit 60 000 Menschen der zahlenmäßig größte überlebende Stamm in Kolumbien und in Venezuela und einer der größten in Südamerika überhaupt.
Sie haben ihr Schicksal sehr anpassungsfähig gemeistert: Als die Spanier auf sie stießen, lebten sie schon auf der wüstenhaften Halbinsel Guajira und hatten ihr Auskommen durch Fischfang und reiche Perlengründe, deren Geheimnis der Nutzung nur sie kannten.
Davor waren sie wahrscheinlich Ackerbauern gewesen, doch lange vor der Ankunft der Spanier, durch andere Indianervölker verjagt, waren sie auf der Halbinsel eingewandert. Die Perlengründe konnten ihnen die Spanier nicht so leicht wie Gold wegnehmen, und so kam es zu einem Tauschhandel.
Die Goajiro erwarben als Gegenwert von den Spaniern Haustiere wie Ziegen, Schafe, Schweine, Hühner, Rinder und Pferde und bauten eine nomadische Viehwirtschaft auf, die neue Basis ihres Überlebens. Außerdem begannen sie Salz zu verkaufen, das sie aus den Salzpfannen am Meer gewannen.
Heute arbeiten viele von ihnen im Erdölgebiet am See von Maracaibo. Der Wasserknappheit auf ihrer Wüsten-Halbinsel begegnen sie mit dem Bau technisch hochentwickelter Brunnenschächte. Ihre Häuser sind heute durch das nomadische Leben sehr einfach. Kommt es durch etwas Wohlstand aber zu einem festen Dorf von 200-250 Bewohnern, dann bauen sie gute Ziegelhäuser und decken diese mit Schindeln aus gespaltenen Kakteen, umhegen das Dorf zuletzt mit einer Kaktushecke.
Die Goajiro sind matrilinear und bilden etwa 30 große Clans, je mit einem Tier als Erkennungszeichen und mit eigenem Territorium.
Jeder Clan wird von der ältesten Frau, der Sippenmutter oder Matriarchin, zusammengehalten. Ihr ältester Bruder ist der Vertreter des Clans nach außen und genießt großes Ansehen. Aus diesen männlichen Sippenvertretern wird der Dorfhäuptling gewählt, und die Wahl fällt immer auf den Wohlhabendsten. Dieser muss sich dann für sein Dorf verausgaben, denn er ist verpflichtet, mit seinem Clanvermögen allen anderen Schutz zu geben. Dadurch sinkt sein Reichtum bzw. der seines Clans beträchtlich, und bald darauf wird der nächste wohlhabende Mann mit denselben Pflichten zum Häuptling gewählt.
Mit dieser intelligenten Methode werden die Güter in Umlauf gehalten, und es kann nicht zu einer Güterhäufung bei einigen wenigen kommen, der allgemeine Lebensstandard gleicht sich immer wieder aus.
Obendrein haben diese Häuptlinge keinerlei Befehlsgewalt, sondern nur Vertretungsbefugnis. Mit der Verausgabung ihrer Güter gewinnen sie bzw. ihre Clans nichts außer „Ehre". Dieses Ansehen bewirkt jedoch, dass sie in Notzeiten von den anderen nicht im Stich gelassen werden.
Der Lebenslauf jeder einzelnen Person ist untrennbar mit der Sippe verbunden, denn die Sippe, repräsentiert durch die Clanmutter, schützt ihre Angehörigen. Diese vergelten es dadurch, dass sie alles zur Verteidigung und Stärkung ihrer Sippe tun. Die wirtschaftliche Basis jeder Sippe ist das Vieh, es ist Gemeinschaftsbesitz wird gemeinschaftlich betreut. Die Männer weiden und tränken die Herden, die Frauen melken, stellen Käse her und bereiten das Fleisch zu.
Viehdiebstahl ist ein ebenso großes Verbrechen wie die Vergewaltigung einer Frau, beides wird mit der strengsten Strafe geahndet, denn dadurch ist die Ehre einer ganzen Sippe beleidigt worden.
Die Sippen der Goajiro sind exogam (Heirat nach außen) und paarweise einander zugeordnet. Das heißt, je zwei Sippen stehen durch dauernde Wechselheirat miteinander in Verbindung, wie z.B. die Sippe Urania mit der Sippe Puschania und die Sippe Epieyues mit der Sippe Secuana.
Gemeinschaftsehe gibt es allerdings nicht mehr, sondern Einzelehe. Die junge Frau geht bei der Heirat ins Haus des Gatten, für sie erhält ihr Mutterclan Vieh als Hochzeitsgabe. Es handelt sich dabei um keinen „Brautkauf`, denn die junge Frau ist nicht nur diejenige, die ihren Gatten ernährt und kleidet, sondern sie kann jederzeit die Scheidung durch Rückkehr ins Mutterhaus vollziehen.
Die Brautgabe an Vieh, die unterdessen von ihrem Clan gehütet und vermehrt wurde, bleibt dabei ihr persönliches Eigentum und fällt ihr bei der Scheidung als Besitz zu.
Wenn eine junge Frau ein Kind gebiert, wird sie dabei ausschließlich von den Frauen ihres eigenen Clans begleitet. Die Geburt eines Mädchens ist erwünschter als die eines Knaben. Über einen Knaben freut man sich „wie über ein kleines Pferd", über ein Mädchen aber „wie über eine kleine Kuh", denn Kühe sind der größte Reichtum der Clans (Ausspruch eines Goajiro).
Die Mutter gibt dem Kind nach der Geburt den Namen einer Ahnin oder eines Ahnen und den Namen ihres eigenen Clans, als dritten erhält es einen Namen nur für Außenstehende. Allein der mütterliche Clan feiert mit ihr das Ereignis.
Die Vaterlinie ist bekannt, spielt aber keine Rolle. Die Kinder wohnen zuerst bei der Mutter, später übernimmt eine Tante mütterlicherseits die weitere Erziehung der Mädchen und ein Onkel mütterlicherseits die der Knaben. So werden sie bei Verwandten des Mutterclans groß.
Ihr Vieh behandeln die Goajiro-Indianer genauso gut wie die Angehörigen des eigenen Clans. Wie man einen Angehörigen der eigenen Sippe nicht heiraten darf, ebensowenig darf man die Rinder des eigenen Clans essen, denn sie gelten als direkte Verwandte. Wird ein Rind krank, dann wird es zur Schamanin oder zum Schamanen gebracht, genauso wie ein Mensch. Stirbt jemand in einem Clan der Goajiro, dann werden Rinder geopfert und ihr Fleisch zur Bewirtung der Gäste aus den anderen Clans zubereitet. Ihre Geister jedoch, so glauben die Goajiro, begleiten den toten Menschen auf der langen Jenseitsreise und vermehren zahlenmäßig die geister des eigenen Clans.
Obwohl die Aeawak-Kultur der Goajiro sich unter verschiedenen Bedrohungen mehrfach gewandelt hat, ist ihre matriarchale Herkunft noch sichtbar. Zugleich ist sie eines unserer Beispiele gegen die verbreitete Legende, dass Viehzucht notwendig mit Patriarchat gekoppelt sein müsse.

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Quelle:
Sehr viel mehr über die matriarchalen Arawak-Völker gibt es bei Heide Göttner-Abendroth in Das Matriarchat II,2 zu lesen.
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