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Indien

Indien

Um etwa 2000 v.u.Z. kamen die Arier nach Indien. Mit ihren überlegenen eisernen Waffen zerstörten sie bis 1.750 v.u.Z. die Stadtkulturen am Indus (s. Karte: Mohenjo Daro). 

Älteste Siedlungsreste der so genannten Harappa-Kultur finden sich in Form von Gebäuden aus gebrannten Ziegeln bei Mohenjo-Daro und Harappa (im heutigen Pakistan) aus der Zeit um 2500 bis 1750 v.u.Z.
Aus der sich anschließenden vedischen Periode der Frühgeschichte sind Grabhügel bei Lauriya Nandangarh im Bundesstaat Bihar sowie Felsengräber in Malabar im Bundesstaat Kerala erhalten geblieben, in denen man neben ersten Eisengeräten insbesondere bemalte Keramik fand.

Die arischen Eroberer übernahmen viel aus der ihnen überlegenen matriarchalen Vorgängerkultur, so dass der Hinduismus reichlich von deren Inhalten trägt, aber patriarchal verformt wurde.

Die Arier waren damals noch mutterrechtlich und kastenlos. Doch bald bildeten sich ein Kriegeradel und ein Priesterstand heraus. Letzterer machte sich sofort daran, die Frauen religiös auszuschalten. 
Die Frauen hatten bis dahin die Hauptrolle beim heiligen Rossritual, bei dem die Männer jedoch assistierten. Der neue Geist ertrug das nicht. Im Mahabharata, dem Nationalepos der Hindus, gibt es eine Stelle, die das klar ausspricht: "Das Gesetz ist aufgerichtet worden, dass die Frauen mit heiligen Zeremonien nichts zu schaffen haben ..."

Auch außerhalb der Religion wurden die Frauen konsequent entrechtet. "Eine Mitschöpferin der Hymnen - mindestens eine im RigVeda stammt erwiesenermaßen von einer Frau -, darf sie jetzt nicht einmal lesen, was sie selber dichtete, weil heilige Schriften nur geeignet seien, den weiblichen Geist zu verwirren." (Sir Galahad)

Und im Mahabharata heißt es weiter: "Nun will ich dir von den alten Bräuchen erzählen... früher waren die Frauen nicht in Häusern eingeschlossen, abhängig von Gatten und Verwandten. Sie pflegten frei hinzugehen, wohin sie wollten... Und keineswegs ... hingen sie ihren Männern in Treue an, ohne deshalb ... schuldig befunden zu werden, denn dies war der gutgeheißene Brauch der Zeit..."
Die gegenwärtige Sitte hingegen, dass sie einem Mann fürs Leben verbunden sind, ist erst kürzlich aufgerichtet worden.

Die frühen Helden der indischen Epen sind nach ihren Stammmüttern benannt (vergleichbar den keltischen Helden). Auch die "fünf Nationen" der Arier beziehen sich auf eine Stammmutter. Das erste groß-indische Reich wurde von der Maura-Dynastie gegründet, die sich von einer Frau, Maura, ableitete.

Polyandrie

Vielmännerei ist für sich genommen natürlich noch kein sicherer Beweis für ein Matriarchat, aber doch ein recht gutes Indiz. In den indischen Epen findet sie sich überall. 

Eine Prinzessin reiste nach Lanka (Ceylon) und gründete dort ein Reich. Ihre Mutter schickte ihr der Reihe nach ihre 7 Brüder hinterher, und sie wies jedem einen Landesteil zur Regentschaft zu. 
Eine andere Prinzessin war mit 5 Brüdern verheiratet, eine weitere mit 7, eine dritte sogar mit 10. 
In einer Hymne werden die Aswins, ein göttliches Zwillingspaar (vergleichbar Castor und Pollux in der griechischen Mythologie) nach einem Sieg bei einem Wettspiel von einer Frau als ihre gemeinsamen Gatten begrüßt.
 

Und es gibt noch viele andere Beispiele, die auf brüderliche Polyandrie hinweist.

Bei Zerstörung der Industal-Kultur flohen viele Menschen - einerseits nach Südindien, andererseits nach Ostindien ins Gangesdelta. Einige kamen auch zum Himalaja, wo sie mit matriarchalen tibetisch-burmesischen Völkern in Kontakt kamen. 

Matriarchale Elemente erhielten sich am deutlichsten in Südindien (an der Malabarküste und im Tamilenland) und im Gangesdelta. In diesem Gebiet tragen auch "die zwei größten und wichtigsten Städte den Namen der uralten Göttin Kali..., die vor-indoeurpäisch ist und sich nie ganz hinduisieren ließ: Kal-kutta und Kali-kut."

Im Gebiet von Malabar und Travancor wurden bis ins 18. Jahrhundert u.Z. verschiedene Frauenstaaten mit unumschränkten Königinnen festgestellt. Insbesondere wird das Könginnenreich Attinga genannt, dessen Alleinherrscherinnen ehelos lebten, aber natürlich  Geliebte hatten. In matriarchalen Gesellschaften gehört sinnliche Liebe zum Alltag wie essen und atmen.

Die Drawiden

Die Drawiden (Drawida) waren in Indien lebende Völker, die über ein eigenständiges Matriarchat verfügten, das sich im Süden wohin die Brahmanen ihren Einfluss nicht vollständig ausdehnen konnten, erhalten konnte. Das Wort bezeichnet kein bestimmtes Volk, sondern verschiedene vorindoeuropäische Stämme, die alle matriarchal waren. Zu ihnen gehörten z.B. die Wedda, die im Urwald Indiens und Ceylons lange Zeit überlebten und die heute fast ausgestorben sind. Von allen Stämmen sind bis in die Neuzeit matriarchale Strukturen  in verschiedenen Abstufungen bekannt, zumindest Matrilinearität.

Seit der Unabhängigkeit Indiens im Jahr 1947 lehnen drawidische Gruppen die indoeuropäische Sprache Hindi als offizielle indische Amtssprache ab. Mit mehr als 170 Millionen SprecherInnen sind die drawidischen Sprachen die viertgrößte Sprachengruppe der Welt. 

- Die Pulayan hatten eine einfache Pflanzerinnenkultur, nur mit Bambuswerkzeug. Sie sind bis heute matrilokal und -linear, haben Mädchen-Pubertätsriten, sexuelle Freiheit der Frauen, Besuchsehe. Sie verehrten die Ammas, Urmütter/Ahninnen.

- Die Parayan waren zahlreicher und mit vollentwickeltem Ackerbau und matriarchaler Sozialordnung. Die Nayar machten sie zu Leibeigenen, ließen ihnen aber etliche Privilegien: sie wohnten weitgehend unabhängig in eigenen Dörfern, mit einen Dorfvorstehern und Priestern/Schamanen, verehrten Urmütter und Göttinnen. Erst die Arier machten sie zur unterdrücktesten aller Kasten, zu den Parias oder "Unberührbaren", von allen verachtet. So unrein, dass selbst ihr Blick oder ihre Fußspuren einen "höheren" beschmutzen konnte.

  Die Nayar

Gut erforscht sind die Nayar (Nair). Die Flüchtlinge aus dem Industal entwickelten sich unter dem Druck von außen zu Kriegern, die die einheimische, matriarchale Bevölkerung - die wichtigsten waren die erwähnten Pulayan und die Parayan - versklavten. Dies ist ein extremes Beispiel, wie matriarchale Völker aus Not zur Gewalt greifen müssen, um sich und ihre Kultur gegen die patriarchalen Eroberer zu verteidigen. Eine andere Form der Abwehr ist von den Amazonen bekannt.

Es entstand dadurch ein kriegerisches Matriarchat, das ein uraltes, bäuerliches Matriarchat überlagerte.

Die Nayar-Männer lebten als Krieger und waren daher fast ständig unterwegs. Sie hatten einen hohen Ehrenkodex; so konnte neben einem Kampf ein Bauer seine Felder bestellen und die Frauen Wasser holen, ohne behelligt zu werden.

Die Frauen lebten in matriarchalen Clans, in schön gestalteten Gutshäusern. Die Kinder begannen mit 7 Jahren in öffentlichen Sportschulen mit dem Körpertraining und lernten lesen und schreiben; das Bildungsniveau war sehr hoch.

Mit elf nahmen die Mädchen die Arbeiten im Haus auf, die Knaben wurden zu Kriegern erzogen. Dies alles erinnert sehr an die Verhältnisse in Sparta. Die Nayar ließen die gesamte Feldarbeit von der versklavten Urbevölkerung verrichten (ebenfalls vergleichbar Sparta).

Der Sippenältesten stand der älteste Mann zur Seite, die Frauen waren untereinander stark solidarisch, die Männer hatten ein formelles, hierarchisches Verhältnis. 
Abgesehen vom Haushalt hatten die Frauen viel freie Zeit, in der sie sich pflegten und schmückten und Eroberungen machten. Alle ausländischen Reisenden rühmten die Eleganz, Schönheit, Intelligenz und Selbstachtung der Nayar-Frauen.

Die Menschen, einschließlich der Könige, gingen nackt und barfuss, nur mit einem weißen Tuch um die Hüften. Auch die Nayar-Frauen gingen mit nackter Brust, manchmal mit einem Blumenkranz geschmückt. Wenn sie diesen einem Mann um den Hals legten, hatten sie ihn erwählt.

Alle 10 bis 12 Jahre fand eine Zeremonie statt, bei der das Mädchen "dem Sexualleben als solchem" freigegeben wurde. Ein "ritueller Bräutigam" entjungferte in einem als 'mechanisch' betrachteten Vorgang das junge Mädchen, das nun nach Lust und Laune Beziehungen eingehen konnte - solange der Mann ebenbürtig war. Diese Einschränkung galt auch für männliche Nayar.

Als die Portugiesen an diese Küste kamen, wurden sie von den Bräuchen sehr verwirrt. Sie wurden oft gebeten, eine Tochter zu entjungfern, anschließend aber gab es nur flüchtigen Dank als Reaktion - und ein zweites Treffen hätte den Tod des Mannes bedeutet. Dies traf das männlich-patriarchale Ego zutiefst, besonders da im patriarchalen Lebenszusammenhang dem "ersten Mal" eine hohe Bedeutung beigemessen wird.

In der Regel hatte eine Frau drei bis zwölf Ehemänner, und zwar gleichzeitig. Diese konnten eine Brüdergruppe sein, aber auch nichtverwandte Männer. 
Die Männer hatten ebenfalls mehrere Frauen, bei denen sie unterwegs stets eine Unterkunft fanden.

Liebschaften neben diesen Ehemännern waren für die Frauen selbstverständlich. Heirat war in dieser Kaste einfach und war eine reine Liebesehe, keine  ökonomische Verbindung.

Es gab AhInnenverehrung, Wiedergeburtsglauben und einen Schlangenkult. Dies alles und die hohe Stellung der Frauen führten dazu, dass die überlegene Kultur der Nayar von den Brahmanen als "unrein" abgewertet  wurde.

Als die Arier in dieses Gebiet eindrangen, vermochten die Nayar-Krieger das schlimmste zu verhindern, es kam zu einem Kompromiss und zu einem spannungsgeladenen Nebeneinander. Die Brahmanen führten ihre männlichen Götter ein und erhoben den Anspruch "gottgleich" zu sein. Durch Einheirat drängten sie sich in die Nayar-Kultur - wobei der Brahmane seine Nayar-Frau als Konkubine, diese ihren Brahmanen-Mann als einen ihrer legalen Ehemänner ansah.

Die matriarchale Struktur brach endgültig zusammen, als die Engländer die Krieger entwaffneten. Englische Erziehung führte dazu, dass die Männer ihre Kultur als "rückständig" betrachteten, sie hoben die Großfamilie auf, beendeten die weibliche Erbfolge, zerteilten das Clanland, führten schließlich die Einehe mit hinduistischer Zeremonie ein.
Heute sind die Nayar-Frauen wie alle hinduistischen Inderinnen zu vorehelicher Keuschheit, sexueller Treue und Unterordnung unter die väterliche Autorität verdammt.

  Die Rajput

Eine vergleichbare Kriegerkaste waren die Rajput, die trotz größter Zersplitterung Reste matriarchaler Strukturen bewahrten: Matrilinearität, Erbfolge des Neffen, Dienstehe, Scheidung, Wiederverehelichung von Witwen.

In einem Hochzeitslied klagt die Brautmutter über die neue Sitte der Patrilokalität. Sie rät ihrer Tochter, den Gatten zum Umzug zu bewegen, gelingt dies nicht, Unfrieden zu stiften und notfalls den Gatten zu vergiften. Viele Rajput-Frauen zogen den Selbstmord der Sklaverei vor.

Die Adivasi

Adivasi, "Ureinwohner", ist die pauschale Bezeichnung für Stämme, die in Dschungelwäldern und Gebirgen in Zentralindien Teile ihrer alten Kultur retten konnten. Sie sind alle vor-indoeuropäisch, sonst aber sehr verschieden.

Es sind 60 Millionen Menschen, die egalitär leben - die Frauen gleichwertig oder leicht höherrangig - und uralte Muttergöttinnen in Megalithbauten, Bäumen und Flüssen verehren. In Zentralindien leben die großen Stammesvölker der Gond, Bhil und Oraon, die nicht von den Ariern unterworfen wurden und große Königinnenreiche bildeten.

Sie haben mittlerweile zwar die Vaterlinie übernommen, sind aber egalitär, die Jugendlichen genießen volle sexuelle Freiheit, die Frauen gehen stolz halbnackt und tragen viel Schmuck, wählen die Ehepartner selbst, wechseln sie leicht und heiraten auch als Witwen. Dies ist in Indien ein wichtiger Hinweis auf ein altes Matriarchat, da hier Witwen - so sie nicht lebendig verbrannt werden, was heute als "Haushaltsunfall" getarnt wird - ein elendes Leben außerhalb der Gesellschaft führen, am nackten Boden schlafen, Abfälle essen.

"Indien umfasst allein zwei Drittel aller Stammeskulturen auf der Erde, was von der indischen Regierung jedoch hartnäckig geleugnet wird.  Dies funktioniert, weil die Stämme zwangsweise ins Kastensystem eingegliedert wurden und daher nicht mehr als Völker gelten. Es findet auch extremer Landraub statt (Staudämme, Industrieanlagen, Bergwerke, Abholzung, Verseuchung, Touristenparks), doch die Adivasi "leisten heftigen Widerstand, besonders die Frauen, wie an der Chipko-Bewegung und Widerstand gegen den Narmada-Staudamm zu sehen ist." (Heide Göttner-Abendroth)

Irene Fleiss

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