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Kreta

Auf Kreta hat sich die matriarchale, friedliebende Lebensweise (die auch für Catal Hüyük und das Alte Europa nachgewiesen ist) - voll Luxus, Annehmlichkeiten und Vernunft - am längsten erhalten.

Die KreterInnen waren das erste große Seefahrervolk; sie trieben Handel mit allen bedeutenden Ländern.
Die Göttin war auf Kreta vorherrschend. Sie hatte nur Priesterinnen, die Opfer- und Kulthandlungen ausführten. Geopfert wurden Weizen, Gerste, Mehl, Öl, Wein, Feigen, Honig, Wolle, aber keine Menschen oder Tiere.Doppelaxt

 

Doppelaxt Gold, 
H 4,8 cm, B 4 cm 
17. Jhdt. v. Chr., 
Neue Palastzeit


An den Wänden der Paläste sind die Kreterinnen dargestellt: lachend, plaudernd, bei Sportfesten, in modischer Kleidung. Hin und wieder sieht man einen fast nackten jungen Mann, glatt und schmalgebaut. Weit und breit ist kein alter oder älterer Mann abgebildet. Frauen sind immer als Königinnen, Priesterinnen, Göttinnen Herrinnen dargestellt, nie als Dienerinnen. Männer hingegen als Pagen, Mundschenken, Flötenspieler, Feldarbeiter, Matrosen. 

Kein König oder Priester ist zu finden. Der sog. "Lilienprinz", der meist als Abbildung eines Königs oder Priesters bezeichnet wird, zeigt einen langhaarigen, unbewaffneten Jüngling mit nacktem Oberkörper, geschmückt mit Pfauenfedern, der zwischen Blumen und Schmetterlingen lustwandelt. Da fallen einem alle möglichen Deutungen ein.

Schlacht- und Jagdszenen fehlen völlig. Selbst Kampfwagen (eine importierte technische Errungenschaft, die nur dem Panzer des 20. Jahrhunderts vergleichbar ist) benutzten die KreterInnen für Spazierfahrten.

Unterhaltung und Religion waren eng miteinander verknüpft - typisch für matriarchale Kulturen. Musik, Gesang, Tanz, öffentliche Zeremonie, Prozessionen, Bankette, akrobatische Darstellungen bestimmten das öffentliche Leben.

Der matrilineare Clan war ursprünglich die Basis der sozialen Organisation, später kam es zur Zentralisierung und organisatorischer Strukturierung. Das Handwerk war hochspezialisiert, es gab eine Fülle von verschiedenen Berufen.
Ein bedeutendes religiöses Symbol war die Schlange, die der Weissagung und Heilung, diente. Berühmt ist die Darstellung einer Priesterin mit einer Schlange in den erhobenen Händen. 

Bekannt ist auch die große Rolle des Stiers in der kretischen Religion. Die Wandgemälde von Knossos zeigen die Stierspiele, bei denen der Stier, der der Mondgöttin heilig war, nicht getötet werden durfte. Junge Männer packten der heranstürmenden Stier bei den Hörnern und ließen sich von seiner kraftvollen Reflexbewegung weit nach oben und über ihn hinwegschleudern.

Stiersprung

Der Minos war angeblich einer der Könige von Kreta, aber in Minos bedeutet "Mondwesen" und war ein Titel, den jeder ausführende Priesterkönig während seiner Amtszeit trug. Das Labyrinth, in dem der Minotaurus lebte, diente der Durchführung verschiedener Initiationen und der Einweihung in den Dienst der Göttin. Das Labyrinth, verwandt mit der Spirale, ist ein uraltes matriarchales Symbol.

Frauen errichteten bei allen Kulturen die ersten Gebäude. Kreta beweist, zu welchen Leistungen sie fähig waren. Die ausgegrabenen Paläste verfügten über riesige Innenhöfe (vergleichbar dem Markusplatz in Venedig), die Türen haben Bronzeangeln und Metallschlösser und -schüssel; Badezimmer und Schlafräume sind durch Schiebetüren verbunden und stets der Morgensonne zugewandt. Es gab Alabasterbänke, Säulenhallen, gigantische Treppen, Stehlampen, Porzellan, Emaille,  Gold, Bergkristall. 

Palast von KnossosGroßer Innenhof im Palast von Knossos, ca. 1550 v.u.Z. - Diese Säule ist typisch in rot bemalt mit  schwarzem Kapitell. Andere Säulen zeigen einen schwarzen Schaft und ein rotes Kapitell. Alle drei Stockwerke haben Säulen in den Symbolfarben der Göttin: weiß für die junge Frau, rot für die reife Frau und Mutter, schwarz für die Weise Alte.

Starkes Gefälle im Gelände wurde für kunstvolle Wasserleitungs- und Kanalisationsanlagen genutzt, die Terrakottaröhren, mit feinem Zement ausgekleidet, funktionieren heute noch ohne Fehl. Diese Einrichtungen genügen höchsten zivilisatorischen Ansprüchen.

Gärten waren wichtiger Bestandteil der Architektur. Auch in einfacheren Häusern waren Wände, Decken und Fußböden mit Gemälden geschmückt. Besonders großer Wert wurde offenbar auf die Wahrung der Privatsphäre gelegt, auf eine gute, natürliche Beleuchtung und auf die sanitären Anlagen.

Die Naturkatastrophen um 1600 v.u.Z. und 1200 v.u.Z. bedeuteten den Anfang vom Ende der hochstehenden kretischen Kultur; den Rest haben die patriarchalen Griechen erledigt.

Irene Fleiss

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