
Dieses Volk aus Sumatra hat bis heute das
"Adat", ihr matriarchales Stammesgesetz, bewahrt. Insgesamt über drei
Millionen Menschen leben noch nach diesem uralten Gesetz.
Sie werden als das größte bekannte matriarchale Volk bezeichnet.
Das eigentliche Kerngebiet der Minangkabau liegt im
Westen Sumatras. Sie sind aber in allen größeren Städten Sumatras und
Indonesiens zu finden und sind in Handel, Verwaltung, Wirtschaft,
Politik, Kultur tätig und "gelten in Indonesien als ein Volk von hoher
Bildung, Kultur, Weltoffenheit und großer Wirtschaftskraft." (Heide
Göttner-Abendroth)
Lebensweise:
Eine Hausgemeinschaft umfasst 40 bis 80 Personen,
bestehend aus 3 Generationen Frauen und den Brüdern und Söhnen. Eine
solche Sippe heißt "paruik", "ein Mutterschoß". Den
informellen Vorsitz hat die älteste Frau des Clans, die alle häuslichen
Entscheidungsprozesse in der Hand hat. Haus und Land gehören den Frauen
und können nur in weiblicher Linie vererbt werden. Das Sippenhaus hat
eine geräumige Halle, in der geredet, gegessen und gefeiert wird.
Mehrere verwandte Häuser in einer Dorfgemeinschaft
gehören zusammen und bilden die nächstgrößere soziale Einheit. Ein
Bruder der Sippenmutter vertritt die Sippe nach außen. Er wird auf
Grund seines Benehmens gewählt, denn er muss besonders sanft,
freundlich, tolerant und würdevoll sein. Er hat keinerlei
Entscheidungsbefugnis, sondern vermittelt als Delegierter oder Sprecher
die Entscheidungen der Sippe.
Ursprünglich wurde Kreuz-Heirat betrieben, es
heirateten also stets die Angehörigen derselben 2 Sippen. Inwieweit
dies heute noch gilt, ist schwer feststellbar.
Patriarchaler Druck:
Die Minangkabau haben es geschafft, Jahrhunderte
patriarchaler Invasionen zu überstehen, indem sie sich scheinbar nach
außen anpassten, in Wahrheit aber die neuen Formen ihrer Lebensweise anpassten.
So überstanden sie den Hinduismus, den Islam und die
Holländer. Obwohl islamisch, haben die Frauen das Nutzrecht am Land,
eigenes Einkommen, Zugang zur Bildung und "keine Angst vor Männern"
(Ilse Lenz).
Die westliche Geldwirtschaft und Industrialisierung setzen den matriarchalen Minangkabau zur Zeit am stärksten zu.
Gegenstrategien:
Obwohl viele männliche Minangkabau in den Städten
arbeiten, pendeln sie zu ihren Sippen heim und bringen ihren Verdienst
dem Mutterhaus. Sie beziehen aus dem blühenden Kernland ihre Identität
und stärken es daher. Oft bauen sie Häuser auf dem Sippenland der Frau,
der es auch bei einer Scheidung gehört. Die Erbregeln besagen, dass das
Privateigentum eines Mannes, das er im sogenannten Grenzland erwirbt,
für eine Generation an seine Kinder geht und danach ins Eigentum seines
mütterlichen Clans zurückfällt.
"Solche Regeln einer klugen Organisation der
matriarchalen Clans, um ´neumodische´ patriarchale Tendenzen
abzufangen, sind in der Tat einzigartig und zeigen die hohe
Bewusstheit, mit welcher die Minangkabau an ihrem matriarchalen
Stammesgesetz festhalten." (Heide Göttner-Abendroth)
Die Frauen und im Kernland lebenden Männer reagieren
flexibel auf die neuesten Patriarchalisierungsprozesse, die von den
pendelnden Männern gebracht werden, bevor sie von diesen Entwicklungen
überrollt werden.
Die Minangkabau sind also kein "zurückgebliebenes
Restvolk" in einem "Rückzugsgebiet", sondern sie haben sich durch die
patriarchalen Herausforderungen (Königtum, Missionierung,
Kolonialisierung, Industrialisierung) weiterentwickelt!

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