Tojolabal ist nicht nur der Name dieses Volkes, sondern gleichzeitig der Name seiner Sprache. Die Bedeutung des Wortes Tojolabal ist von Wichtigkeit, klärt es doch den Begriff, mit und nach dem sich dieses Volk selbst versteht.
Das Wort setzt sich aus zwei Bestandteilen zusammen. Das Wort tojol bedeutet gerade, wahrhaft, echt und dergleichen mehr. Zum Beispiel ein gerader Weg ist ein tojol b'ej, und damit ist er zugleich der kürzeste. Eine gerade gewachsene Kiefer ist ebenfalls tojol, und zwar tojol taj. Hier nähern wir uns bereits einem weiteren Sinn des Begriffs. Eine derartige Kiefer ist so gewachsen, wie Kiefern wachsen „sollen”, wie es von ihnen „erwartet” wird. Sie kommt sozusagen ihrer Bestimmung nach, besser ausgedrückt, ihr Wuchs entspricht ihrer Berufung. Sie ist darum ein echte, ja eine wahrhaftige Kiefer.
Wenn nun auch die Sprache als tojol bezeichnet wird, also als wahrhaftige oder wahrhafte Sprache, dann gilt es erst noch den anderen Begriff zu erklären, der dem der Sprache entspricht, um die volle Bedeutung von tojolabal zu verstehen. Es handelt sich um ab'al' einem der Begriffe, die der Vokabel Wort entsprechen. Er bezieht sich auf das gehörte Wort im Gegensatz zum gesprochenen Wort, d. h. k'umal.
Das Tojolabal als wahrhafte oder wahre Sprache ist darum diejenige, in der es zum rechten und wahren Hören kommt. Sie ist also nicht wahr in dem, was die Sprecher reden, sondern in dem, was Menschen von anderen hören. Die Sprache ist also Tojolabal, wenn die Menschen gute Hörer werden, dann entsprechen sie der wahren Funktion der Sprache, benutzen sie im rechten Sinne. Die Sprache als wahre ist darum von Anfang an oder vom Begriff her auf das Hören der anderen, die Verbindung mit den anderen angelegt.
Wenn nun die Tojolabales sich selber mit diesem Begriff bezeichnen, dann erfassen sie sich als wahre Menschen, wenn und insofern sie sich mit den anderen Menschen, Tieren, Pflanzen und Dingen der Natur und Kultur harmonisch abstimmen, indem sie auf sie hören. Dies ist eine typische Verhaltensweise matriarchaler Gesellschaften. Es ist also kein Hochmut, wenn sie sich als Tojolabales bezeichnen und verstehen, sondern vielmehr eine ständige Aufgabe, sich so zu verhalten, dass die anderen recht gehört und recht verstanden werden. Vom Begriff des Tojolabal ausgehend steht also bei den Tojolabales der gemeinschaftsbildende Dialog im Mittelpunkt.
Tojolabal ist also eine historische Kategorie ist und nicht als rassisch oder biologisch innewohnende, unverlierbare Eigenschaft zu verstehen.
Dieselbe Auffassung des Tojolabal wirkt rückwirkend auch klärend auf den Begriff der Machtausübung beziehungsweise deren Ablehnung. Wenn es um das Hörvermögen geht, dann steht der Dialog im Vordergrund und nicht die Absicht, auch nicht der Wille, sich mit Worten oder Waffen gegenüber den anderen durchzusetzen.

Das Maya-Volk der Tojolabales (sprich: Tocholabales mit Betonung auf der Silbe -bal-) lebt in Chiapas, dem südöstlichsten Bundesstaat Mexikos an der Grenze Guatemalas. Die Tojolabales wie alle anderen Mayavölker sind Zeitgenossen des zwanzigsten Jahrhunderts mit einer Geschichte, die sich über Jahrtausende erstreckt.
Aus dieser Geschichte wird in der Regel nur eine einzige Epoche herausgehoben und in den Museen zur Schau gestellt. Es handelt sich um die Zeit der Pyramiden, Paläste und weithin bekannten Kunstwerke (siehe Foto rechts) derjenigen, die zusammenfassend als Mayas bezeichnet werden. All dieses gehört zur stark elitären so genannten klassischen Epoche, die sich in den Jahren von etwa 300 bis 900 entwickelte.
Die Mayas jedoch haben bereits über zweitausend Jahre vorher existiert und nach dem Zusammenbruch der klassischen Zeit nochmals ein halbes Jahrtausend lang ihre Kultur umgeformt, ehe die Europäer ihre Völker und Länder mit Krieg, Eroberung und kolonialer Herrschaft überzogen. Selbst diese bitteren Erfahrungen brachten keineswegs das Ende der Mayavölker. Sie leben heute als Mitbürger ein und derselben Welt im Anbruch des dritten Jahrtausends und sind weder gestern noch heute ans Ende ihrer Geschichte gelangt.
Diese jahrtausendjährige Geschichte unter den verschiedensten Bedingungen, von Blütezeiten unterschiedlicher Art bis zu Perioden des Kampfes ums nackte Leben, lassen uns fragen: Was sind die Wurzeln und Quellen dieser Völker, die sie nicht nur am Leben erhalten, sondern ihnen Stärke und Ausdauer verleihen und sie tatkräftig und formend am historischen Geschehen teilnehmen lassen?
Die Kategorien europäischer Geschichtsauffassung und Geschichtsschreibung reichen nicht nur nicht aus, sie sind außerdem auch unzutreffend, um das Phänomen der Mayas in ihrer Besonderheit begrifflich zu erfassen. Es geht hier um Völker, die weder von Griechen und Römern noch von Indogermanen beziehungsweise Indoeuropäern abstammen.
Europäischer Hochmut hat die vorgefundenen Bücher der Mayas verbrannt oder anderweitig zerstört. Nur vier Kodizes sind erhalten geblieben, deren Entzifferung bis heute noch fraglich ist. Was einige der patriarchalen Epigraphen als Lesarten vorgestellt haben, überzeugt keineswegs alle „Alten”, Kundigen und Weisen der heutigen Mayavölker.
Mit anderen Worten, die Mayavölker sind zwar unsere Zeitgenossen, jedoch wissen wir von ihnen herzlich wenig. Gewiss existiert eine Fülle von Fachstudien auf den verschiedensten Gebieten wie etwa der Archäologie, Ethnologie und anderer Wissenschaften, jedoch sind diese in der Regel für Fachkundige geschrieben und stellen außerdem die Mayas aus der beschreibenden Perspektive der Wissenschaftler dar und nicht aus der Sicht der Mayas selber. In und mit all diesen Beschreibungen, so gelehrt sie auch oft sein mögen, bleiben die Mayas letztlich andere, die eigentümlich, ja, fremd sind.
Manche mögen sogar sagen, dass es doch so sein muss, denn die Mayas sind Mayas, die Wissenschaftler sind meist Abendländer und keiner kann über seinen eigenen Schatten springen. Dieser eigentümlichen und keineswegs seltenen Argumentationsweise liegen nicht in Frage gestellte Vorurteile zugrunde, die meist als solche nicht ins Bewusstsein gehoben werden.
Demgegenüber erhebt sich jedoch die Frage, inwiefern derartige beschreibende Darstellungen aus „eigener” Sicht die andere Kultur, das andere Weltbild überhaupt verstehen und erfassen lassen. Die Frage kann auch vertiefend so formuliert werden, ob und wie aus westlicher oder abendländischer Sicht überhaupt Zugang zu einer derart „fremden” Kultur möglich ist. Wird diese nur in ihrer Fremdheit beschrieben, natürlich mit aller wissenschaftlichen Gründlichkeit, wie sie westlichen Wissenschaftlern oft eigen ist, dann bleibt doch weiterhin ein Verstehensproblem bestehen. Denn die Fremdheit wird nicht überwunden.
Bildlich ausgedrückt sehen die Betrachter und Analytiker die anderen nur vom „Balkon der eigenen Wohnung” aus. Auf die „Straße” zu gehen, wo sich die „anderen” tummeln, um nicht nur ihnen zuzusehen, sondern mit den anderen mitzumachen und mitzuleben, das wird abgewiesen, wenn nicht mit Worten, dann doch im Verhalten. Denn, wie angenommen wird, ein jeder kann doch nur bleiben, was er ist.
Die Frage eines anderen, teilnehmenden Zugangs gewinnt an Dringlichkeit angesichts der bekannten Schwierigkeiten innerhalb der abendländischen Kultur mit fremden Menschen, mit anderen Völkern und Kulturen, aber auch mit Tieren und Pflanzen, ja allem Lebenden in seiner Andersheit zusammenleben zu können.
In der Regel sollen die anderen kontrolliert und beherrscht werden, im Zeichen des Fortschritts und ähnlicher Schlagworte, die mehr oder weniger wissenschaftlich verbrämt werden. Im selben Zuge werden Fremde und andere als Parias, Barbaren, Götzendiener, Wilde, Kannibalen, minderwertige Rassen und ähnliches bezeichnet und behandelt. Bei den erwähnten abwertenden Kategorien handelt es sich nur um eine kleine Auswahl, die uns die Schwierigkeiten des wechselseitig sich befruchtenden Zusammenlebens aus dem Ablauf westlicher Geschichte ins Bewusstsein rufen.
Im Kontext der Zeugnis gebenden Darstellung meinen wir, dass es allen Menschen Not tut, das Zusammenleben in und mit den anderen und der Vielheit der Weltbilder zu erlernen. Ein Weg dahin, er erscheint uns unumgänglich, ist derjenige, auf dem wir voneinander lernen. Dabei handelt es sich ganz und gar nicht um eine einfache Angelegenheit. Selbst die Geschichte der sich so ähnlichen und verwandten abendländischen Völker zeigt, wie schwer sie sich getan haben und es noch tun, miteinander zu leben. Bis zum heutigen Tag zeugt das Geschehen in Europa von diesen Schwierigkeiten.

Quelle: Carlos Lenkersdorf, Leben ohne Objekte. Sprache und Weltbild der Tojolabales, ein Mayavolk in Chiapas. (Dieses Buch ist leider vergriffen, ich lege es aber allen ans Herz, denen es antiquarisch oder über eine Bibliothek zugänglich ist!)
|
|
|
|
|